10.000 Euro an Sea-Watch e.V. übergeben

27.03.2017
Robel Hailemariam schildert seine Erlebnisse im Mittelmeer

Robel Hailemariam schildert seine Erlebnisse im Mittelmeer

Gemeindeleiter Pirlich dankt ihm für den Vortrag

Gemeindeleiter Pirlich dankt ihm für den Vortrag

Ansprache des Verwaltungsleiter Wernicke

Ansprache des Verwaltungsleiter Wernicke

Sichtlich berührt: 10.000 Euro für Sea-Watch e.V.

Sichtlich berührt: 10.000 Euro für Sea-Watch e.V.

Am Freitagabend, 24. März 2017 übergab Verwaltungsleiter Guido Wernicke im Namen des Kirchenpräsidenten der Neuapostolischen Kirche Berlin-Brandenburg, Bezirksapostel Wolfgang Nadolny, eine Spende von 10.000 Euro an den Verein Sea-Watch e.V. Das Geld stammt aus dem Fond zur Flüchtlingshilfe, den die Gebietskirche 2015 aus Spenden ihrer Mitglieder zu Erntedank gründete. Gemeindevorsteher Matthias Pirlich hatte Robel Hailemariam zu den Jugendlichen aus den Gemeinden Berlin-Charlottenburg, -Humboldthain und -Reinickendorf eingeladen, um über seine Arbeit an Bord der Sea-Watch 2 zur Rettung von in Seenot geratenen Flüchtlingen zu berichten.

Betroffenheit steht in den Gesichtern. Mehr als 30 Jugendliche sind in einem Nebenraum der Charlottenburger Kirche zusammen. Sie hören dem jungen, sportlichen Mann mit kurzem Bart zu. Im August 2015 hat er sich bei Sea-Watch engagiert. Er wollte "der Ohnmacht, nichts tun zu können, entfliehen", wie er selbst seinen Antrieb beschreibt. Er habe die Bilder und Berichte über ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer nicht mehr ausgehalten. "Man muss doch etwas tun!" Der Verein habe 2015 einen 100 Jahre alten Fischkutter gekauft, um Menschen zu retten. Im Dezember sei dann die SeaWatch 2 gekauft worden - größer und besser geeignet für die zivile Seenotrettung. "Jeder einzelne gerettete Mensch ist ein Erfolg für uns", so beschreibt er die Motivation der Helfer. Ihn hat es für ein dreiviertel Jahr aufs Mittelmehr getrieben. Er hat dafür bei seinem Arbeitgeber ein Sabbatical eingereicht und von seinen Ersparnissen gelebt, erzählt er. Und er zeigt Bilder: Sonnig, blauer Himmel, Bilderbuchwetter - über unsagbarem Leid. Menschen dicht an dicht. Ausgemergelt, zum Teil krank, ohne Schwimmwesten auf einem vollkommen überfüllten Boot. Das Benzin ist ihnen schon vor Stunden ausgegangen, das Trinkwasser ist ebenfalls alle. Am Boden ihres Bootes schwappt eine übelriechende Brühe aus Exkrementen und Unrat hin und her. Sie befinden sich irgendwo am Rand der 24-Meilen-Zone vor Libyen. Nicht alle schaffen es bis dahin. Und wer es weiter schafft, hat noch weniger Überlebenschancen.

Benzin für 24 Seemeilen - dann ist Schluss

Robel Hailemariam schildert, was er auf dem Meer erlebt hat, ständig gebeutelt von der Seemannskrankheit. "Nur während einer Rettungsaktion, wenn du genug Adrenalin im Körper hast, merkst du nichts." Für diese Rettungsaktionen nahm er viel in Kauf. Wie ihn die Missionen verändert hätten, fragt Gemeindevorsteher Pirlich. Die größte Schwierigkeit sei für ihn gewesen, die Menschen nach ihrer Rückkehr mit ihren vergleichsweise kleinen Sorgen und Krankheiten ernst zu nehmen, sich wieder einzufinden. Das sei nicht einfach, wenn man gerade aus einer nahezu rechtlosen Gegend komme, in der unsagbare hygienische Zustände herrschten, die Menschen teilweise vier, fünf Jahre auf der Flucht sind, Spuren von psychischer und körperlicher Folter aufweisen. "Wer in Libyen ist kann nicht mehr zurück." Die Menschen nähmen lieber den Tod auf dem Meer in Kauf, als zurück in die Internierungslager zu gehen. Die 300 Kilometer zwischen Libyen und Lampedusa, einer vorgelagerten italienischen Insel, seien mit den Schlauchbooten nicht zu schaffen. Die Insel mit gerade einmal zwölf Kilometer Küstenlänge könne man ohne nautische Geräte ohnehin "nur durch Zufall zu treffen". Außerdem reichten weder Wasser noch Benzin für diese Überfahrt. Die Flüchtlinge bekämen genaue Anweisungen, bis an die Grenze der 24 Meilen Zone zu fahren und dann auf Hilfe zu warten. Wer weiter fährt, ist so gut wie tot. "Dort kannst du nicht suchen, das Meer ist viel zu groß." Und nein, es seien nicht nur junge Männer, die diese riskante Flucht wagen würden, beantwortet er eine Frage einer Jugendlichen. Er habe alles gesehen: ältere Menschen, schwangere Frauen, neugeborene Kinder und eben auch Männer.

Spende übergeben

Beeindruckt sucht Priester Guido Wernicke, Verwaltungsleiter in der Gebietskirche, nach Worten. Er dankt dem Helfer nicht nur für den Vortrag. Es sei wichtig, sich mit dem geschilderten Leid auseinander zu setzen, nicht wegzusehen. Deshalb habe sich die Kirchenleitung entschieden, das Projekt mit einer Spende zu unterstützen. Aus dem Fond für die Flüchtlingshilfe, im Jahr 2015 aus Teilen des Opfers zum Erntedankfest gegründet, überweise die Neuapostolische Kirche in Kürze 10.000 Euro an den Verein Sea-Watch e.V. Bis eben hat er noch erzählt, seine Eindrücke und Gefühle geschildert, mitgerissen. Jetzt schweigt Hailemariam. Damit hat er nicht gerechnet. Aber er strahlt. Man sieht ihm seine Freude an. Die Freude, weiterhin helfen zu können. Er hat sich zurück gezogen aus der aktiven Hilfe auf dem Meer. Zieht keine Menschen mehr aus dem Schlauchboot in das sichere Schiff. Aber er hat etwas bewirken können. Auch bei den jungen Menschen in Berlin-Charlottenburg.

Zur Person

Dr. med. Robel Hailemariam ist Arzt. Er ist Deutschland geboren, seine Wurzeln sind in Eritrea. ER ist in einer evangelischen Freikirche aktiv und verheiratet. Zwischen August 2015 und Juli 2016 nahm er mehrere Monate ehrenamtlich an Rettungsaktionen im Mittelmeer teil. Er beschreibt sich selbst als "Aktivist der ersten Stunde". Erst das grausame Unglück vor der Küste der Insel Lampedusa, bei dem 2013 ein Schiff mit etwa 545 Flüchtlingen vor der Küste gesunken war und zirka 390 Menschen ertranken, habe eine Öffentlichkeit für die vielen ertrunkenen Flüchtlinge geschaffen. Trotz großen Engagements auch anderer Organisationen war 2016 nach Aussage des Vereins Sea-Watch "das tödlichste Jahr an Europas Grenzen, und ganz speziell auf dem Mittelmehr". Allein im Jahr 2016 sind im Mittelmeer mehr als 5.000 Menschen ertrunken in 2017 sind es bereits 559. Aus dem Mare Nostrum (lat. Mittelmeer) sei inzwischen das Mare Mortum, das Todesmeer geworden.

Das Projekt

Das Projekt Sea-Watch ist ursprünglich in Brandenburg entstanden. Initiiert durch vier Familien, können die Missionen inzwischen von zirka 150 aktiven Helfern realisiert werden. Die Sea-Watch 2 fährt seit 2016 auf der Hauptroute für Flüchtende zwischen der libyschen Küste und der Insel Malta. In 14tägigen Operationen sucht sie dort in Seenot befindliche Flüchtlingsboote um die Menschen aus Lebensgefahr zu retten und an Bord zu versorgen. Träger des Projektes ist der gemeinnützige Verein Sea-Watch e.V. Angesichts der humanitären Katastrophe leistet Sea-Watch Nothilfe. Kern der Arbeit ist das freiwillige Engagement der Aktivisten. Neben ihrem Wissen über Seefahrt, Medizin oder Logistik bringen sie vor allem ihre Arbeitskraft auf dem Schiff ein.

Flüchtlingshilfe in der Gebietskirche Berlin-Brandenburg

Bezirksapostel Wolfgang Nadolny hatte anlässlich des Erntedankfestes 2015 angekündigt, dass ein erheblicher Teil der Spenden angesichts der humanitären Katastrophe für die Flüchtlingshilfe verwendet werden soll. Zu diesem Zeitpunkt war die Kirchenverwaltung mit staatlichen Stellen in Verbindung, "um geeignete und wirksame Wege zur Hilfe zu erschließen", so Bezirksapostel Nadolny in seinem Schreiben an die Gemeinden. Der Prozess gestaltete sich, insbesondere durch die überlasteten Behörden langwieriger als gedacht und führte letztlich nicht zu einer angedachten Unterbringung von Flüchtlingen in kircheneigenen Gebäuden. Seither unterstützt die Gebietskirche punktuell Aktivitäten und Initiativen. Sie seien "ein wahrnehmbares Zeichen unserer christlichen Nächstenliebe." Konkrete Anfragen zur Unterstützung von Projekten nimmt die Kirchenverwaltung weiterhin unter info@nak-bbrb.de entgegen.

Fotos/Text: jel

Kategorie: Bezirk Berlin-Nordwest, Gemeinde Berlin-Reinickendorf, Gemeinde Berlin-Humboldthain, Gemeinde Berlin-Charlottenburg, Jugend, Karitativ